Maratona dles Dolomites 2026.

Manche Rennen gewinnt man mit einer persönlichen Bestzeit. Andere vielleicht mit einer guten Platzierung. Und dann gibt es Rennen, bei denen der eigentliche Erfolg darin besteht, überhaupt die Ziellinie zu erreichen.
Die Maratona dles Dolomites ist eines der bekanntesten und begehrtesten Jedermann-Radrennen Europas. Rund 8.000 Fahrerinnen und Fahrer gehen jedes Jahr inmitten der spektakulären Dolomiten an den Start. Die lange Strecke führt über 138 Kilometer und rund 4.230 Höhenmeter und über einige der legendärsten Pässe der Region: Campolongo, Pordoi, Sella, Gardena, erneut Campolongo, Giau, Falzarego und Valparola. Allein der berüchtigte Passo Giau verlangt mit seinen rund zehn Kilometern bei durchschnittlich über neun Prozent Steigung noch einmal alles – und das nach bereits weit über 90 Kilometern in den Beinen.
Weil die Nachfrage nach Startplätzen deutlich größer ist als das verfügbare Kontingent, wird ein Großteil der Plätze über ein Losverfahren vergeben. Auch ich hatte mich bereits dreimal beworben, bevor es endlich geklappt hatte. Monatelang hatte ich mich auf diesen einen Tag vorbereitet. Entsprechend groß waren die Vorfreude und die Erwartungen – und entsprechend schwer sollte später die Entscheidung am Pordoi werden, als plötzlich die Frage im Raum stand, ob mein Rennen schon dort vorbei sein würde. Denn wer wusste schon, ob und wann ich noch einmal die Chance bekommen würde, bei der Maratona am Start zu stehen?
Was dann folgte, hatte mit dem Rennen, das ich mir ausgemalt hatte, nicht mehr viel zu tun. Es wurde ein Tag, an dem ich mehrmals ans Aufgeben dachte, zwischenzeitlich als Letzter von 8.008 gestarteten Fahrerinnen und Fahrern unterwegs war, einen medizinischen Zugang bekam, den Besenwagen hinter mir stehen sah und am Ende mit Tränen in den Augen bei meiner Familie im Ziel ankam.
Aber der Reihe nach.
Erste Warnzeichen – und eigentlich kein Grund zur Sorge
Schon am Freitag, zwei Tage vor dem Rennen, meldete sich während meiner letzten Sweetspot-Einheit ein Schmerz im linken Oberschenkel. Ganz unbekannt war mir das nicht. Ähnliche Beschwerden hatte ich bereits vor früheren Rennen erlebt, und dort waren sie während der Belastung sogar eher besser geworden als schlimmer.
Am Samstag stand noch eine kurze Aktivierung auf dem Programm. Auch dabei spürte ich den Muskel zunächst wieder. Nach kurzem Dehnen wurde es jedoch schnell besser, und ich konnte die Einheit problemlos beenden. Im Laufe des Tages wurde der Muskel immer unauffälliger. Ehrlich gesagt hatte ich am Samstagabend das Gefühl, die Situation komplett im Griff zu haben.
Am Sonntagmorgen fuhr ich noch gut sechs Kilometer mit dem Rad zum Start. Auch dort: nichts. Keine Schmerzen, kein Warnsignal, nichts, was darauf hingedeutet hätte, was nur wenig später passieren sollte.
Um 6:30 Uhr fiel der Startschuss.
Die Stimmung war gewaltig. Tausende Fahrer, die Dolomiten im ersten Morgenlicht und vor mir ein Rennen, auf das ich monatelang hingearbeitet hatte. Aufgrund meines Startblocks überquerte ich die Startlinie zwar erst etwas später, aber nun ging es endlich los.
Bei der ersten Überquerung des Campolongo lief noch alles nach Plan. Ich fühlte mich gut und fuhr kontrolliert.
Dann kam der Pordoi.
Am Pordoi beginnt ein anderes Rennen
Während der Auffahrt meldete sich der linke Oberschenkel zurück. Und diesmal nicht nur ein bisschen. Die Schmerzen wurden stärker. Ich musste mehrmals anhalten, absteigen und versuchen, den Muskel durch Dehnen wieder einigermaßen zu lösen. Ich fuhr weiter, hielt erneut an, stieg wieder aufs Rad. Aus dem geplanten Rennen wurde plötzlich ein Kampf von Stopp zu Stopp.
Schon dort reifte zum ersten Mal ernsthaft der Gedanke:
„Vielleicht ist heute Schluss.“
Beim letzten dieser Stopps war es schließlich so schlimm, dass ich mein Bein kaum noch anwinkeln konnte. An eine normale Pedalbewegung war praktisch nicht mehr zu denken.
Und ausgerechnet an dieser Stelle kam ich dort zum Stehen, wo bereits ein Rettungswagen wegen eines anderen Fahrers angehalten hatte. Der Fahrer war gestürzt, sein Schaltwerk war zerstört, und er versuchte verzweifelt, doch noch eine Möglichkeit zu finden, sein Rennen fortzusetzen. Ohne diesen Zufall hätte ich selbst wahrscheinlich niemals einen Krankenwagen angehalten. Doch nun stand er da.
Nachdem die Situation des gestürzten Fahrers weitgehend geklärt war, fasste ich mir irgendwann ein Herz und fragte den Arzt, ob er sich meinen Oberschenkel einmal ansehen könne. Er tastete den Muskel gründlich ab, konnte aber keine Verletzung feststellen und vermutete eine Blockade oder Zerrung. Schließlich bot er mir an, mir Novalgin intravenös zu verabreichen.
Ich nahm das Angebot an.

Während der Behandlung zog das Fahrerfeld an mir vorbei. Der Strom der Fahrer wurde immer dünner, bis irgendwann nahezu alle vorbei waren. Als die Behandlung gerade beendet und der Zugang wieder gezogen wurde, stand plötzlich der Besenwagen hinter dem Rettungswagen.
Und damit wurde die Situation endgültig absurd.
Selbst bei den behandelnden Ärzten und Pflegerinnen kam leichte Nervosität auf, weil auch sie nicht genau wussten, wie sich die Situation nun verhielt. Ich hatte klargemacht, dass ich weiterfahren wollte – aber natürlich wäre es denkbar ungünstig gewesen, wenn der Besenwagen jetzt an mir vorbeigefahren und mein Rennen damit möglicherweise beendet gewesen wäre. Ich sagte nur:
„Ich möchte unbedingt weiterfahren.“
Der andere Fahrer, der ebenfalls noch dort stand, sagte mir:
„Die lange Strecke schaffst du heute auf gar keinen Fall mehr.“
Ehrlich gesagt glaubte ich das in diesem Moment selbst. Doch nach der Behandlung konnte ich mein Bein wieder bewegen. Die Schmerzen waren noch da, aber ich konnte wieder treten. Also stieg ich aufs Rad … zu diesem Zeitpunkt als letzter von 8.008 gestarteten Fahrerinnen und Fahrern. Hinter mir war niemand mehr.
Und ich fuhr los.
Aufgeben? Der Gedanke war längst da
Von diesem Moment an hatte das Rennen mit meinem ursprünglichen Plan nichts mehr zu tun. Zeiten, Platzierungen und Wattwerte waren bedeutungslos geworden. Ich musste erst einmal überhaupt wieder ins Rennen finden.
Ich begann, Fahrer für Fahrer wieder einzusammeln. Nach der Sella Ronda spielte ich trotzdem ernsthaft mit dem Gedanken, das Rennen zu beenden. Ich hatte genug erlebt. Mein Körper hatte bereits deutlich gemacht, dass an diesem Tag etwas nicht stimmte. Es hätte genügend vernünftige Gründe gegeben, das Rad abzustellen.

Aber in Corvara warteten meine Frau und meine beiden Kinder am vereinbarten Verpflegungspunkt auf mich. Meine Kinder standen dort in ihren RSG-Trikots und wollten mir meine neuen Flaschen geben. Und ich wollte sie nicht enttäuschen. Also fuhr ich weiter.
Im Nachhinein war das vielleicht einer dieser Momente, in denen nicht mehr der Körper entscheidet, sondern nur noch der Kopf.
Allein zwischen den Gruppen
Mein langer Aufenthalt am Pordoi hatte noch eine weitere Konsequenz. Ich befand mich nun praktisch hinter allen Fahrern, die ungefähr mein Leistungsniveau hatten. Die schnelleren waren längst außer Sicht. Die Fahrer, zu denen ich nach und nach aufschloss, waren dagegen meist deutlich langsamer unterwegs. Dadurch fand ich kaum eine Gruppe, mit der ich sinnvoll zusammenarbeiten konnte. Entweder fuhr ich allein oder musste Gruppen schnell wieder verlassen, weil das Tempo für mich nicht passte.
Überholt wurde ich im weiteren Rennverlauf praktisch überhaupt nicht mehr. Erst ganz am Ende, als es mir aufgrund der zunehmenden Magenprobleme deutlich schlechter ging, zogen noch eine Handvoll Fahrer an mir vorbei. Gerade bei den teilweise ruppigen Gegenwindverhältnissen kostete das Alleinfahren zusätzlich enorm viele Körner. Doch ich arbeitete mich weiter nach vorne.
Fahrer für Fahrer.
Kilometer für Kilometer.
Pass für Pass.

Der Giau – eine miese Drecksau
Und dann kam der Passo Giau. Der machte seinem Ruf alle Ehre.
Eine miese Drecksau von Anstieg.
Rund zehn Kilometer mit durchschnittlich über neun Prozent Steigung, praktisch ohne echte Erholung.
Dort meldeten sich plötzlich auch erste Krampfansätze. Einmal war ich im rechten Oberschenkel wirklich kurz davor, dass die Muskulatur komplett zumachte. Irgendwie gelang es mir, den Krampf noch herauszudrücken und weiterzufahren. Solche Probleme kannte ich von meinen langen Ausfahrten normalerweise überhaupt nicht. Aber dieser Tag war längst nicht mehr normal.

Meine ursprüngliche Verpflegungsstrategie war durch die lange Unterbrechung am Pordoi ohnehin völlig hinfällig. Eigentlich hatte ich einen sehr genauen Plan gehabt, regelmäßig Kohlenhydrate aufzunehmen. Doch durch die Stopps und den völlig veränderten Rennverlauf ließ sich dieser kaum noch umsetzen. Trotzdem versuchte ich weiter zu essen und zu trinken. Irgendwann merkte ich jedoch, dass mein Körper die Kohlenhydrate offenbar gar nicht mehr richtig aufnahm.
Als auch der Magen nicht mehr mitspielen wollte
Spätestens während der Auffahrt zum Falzarego wurde mir zunehmend übel. Es fühlte sich an, als würde alles, was ich zu mir nahm, einfach im Magen liegen bleiben. Aber auch jetzt fuhr ich weiter. Nach allem, was bereits hinter mir lag, wollte ich dieses Rennen nicht mehr aufgeben.
Im Nachhinein vermute ich, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein Magen-Darm-Infekt im Anmarsch war. Direkt nach dem Zieleinlauf musste ich mich mehrfach übergeben, konnte weder essen noch trinken und lag anschließend mehrere Tage komplett flach. Vielleicht war das auch ein Teil der Erklärung dafür, warum mein Körper an diesem Tag so reagiert hatte. Während des Rennens wusste ich davon natürlich nichts. Ich wusste nur: Mir ist schlecht. Die Energie kommt nicht mehr richtig an. Und bis zum Ziel ist es immer noch ein verdammt langer Weg.
Also weiter.

Die letzten Pässe bis ins Ziel
Falzarego. Valparola. Noch einmal alles, was übrig war.
Irgendwann wurde mir klar: Ich werde es tatsächlich schaffen. Nach all den Stopps. Nach der Behandlung am Pordoi. Nach dem Moment als Letzter des Feldes. Nach dem Besenwagen. Nach dem Giau, den Krampfansätzen, dem Gegenwind, den vielen Kilometern ohne passende Gruppe und der zunehmenden Übelkeit. Nach 7 Stunden, 15 Minuten und 40 Sekunden überquerte ich schließlich die Ziellinie in Corvara.
Dort standen meine Frau und meine Kinder. Und dann passierte etwas, das für mich ziemlich untypisch ist. Ich wurde emotional. Sehr emotional.
Ich hatte es geschafft, aber in diesem ersten Moment überwog nicht der Stolz. Es war die Enttäuschung. Die Enttäuschung darüber, dass ich wusste, was körperlich eigentlich möglich gewesen wäre. Darüber, wie lange und gezielt ich mich auf dieses Rennen vorbereitet hatte. Darüber, dass ausgerechnet an diesem einen Tag so vieles anders gelaufen war als geplant.
Und so stand ich dort bei meiner Familie und musste tatsächlich kurz weinen.
Mit etwas Abstand sieht alles anders aus
Mit ein paar Tagen Abstand sehe ich dieses Rennen völlig anders. Im Ziel überwog zunächst die Enttäuschung darüber, dass ich wusste, was körperlich eigentlich möglich gewesen wäre. Doch inzwischen ist mir klar geworden, dass die eigentliche Geschichte dieses Rennens eine andere ist.
Am Pordoi wäre es so einfach gewesen, aufzuhören. Vielleicht wäre es sogar die vernünftigere Entscheidung gewesen. Doch durch eine ganze Reihe von Zufällen stand ausgerechnet dort ein Krankenwagen, ich wurde behandelt und bekam noch einmal die Chance, weiterzufahren. Vielleicht war es einfach nur Zufall. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals. Oder vielleicht hat mir der Rennradgott in diesem Moment einfach gesagt:
„Tristan, jetzt ziehst du das Ding durch. Ich gebe dir noch eine Chance.“
Also bin ich weitergefahren. Und ich kam ins Ziel.
Heute glaube ich, dass genau darin die eigentliche Geschichte dieses Rennens liegt. Nicht in der Zeit, die auf der Ergebnisliste steht. Nicht in der Platzierung. Nicht in den Wattwerten. Sondern darin, dass ich weitergefahren bin, als eigentlich fast alles dafürsprach, aufzuhören.
Vielleicht bekomme ich irgendwann noch einmal einen Startplatz für die Maratona. Bewerben werde ich mich auf jeden Fall wieder. Denn ich weiß, dass ich dieses Rennen unter normalen Umständen deutlich schneller fahren kann. Aber vielleicht wäre diese Geschichte dann trotzdem nicht besser geworden.
Denn manchmal entscheidet sich ein Rennen nicht auf der Uhr.
Manchmal entscheidet es sich in dem Moment, in dem man am Straßenrand sitzt, das gesamte Feld an sich vorbeiziehen sieht, der Besenwagen schon hinter einem steht – und man trotzdem noch einmal aufs Rad steigt.

Tristan Kittlaus
Danke für deinen Bericht, Tristan. Sehr lesenswert! Wir schauen ja immer gerne auf die Sieger und bewundern sie für ihre Leistungsfähigkeit. Dabei wird oft übersehen, dass auch jenseits vom Podium oftmals großartige persönliche Leistungen erbracht werden, die mindestens genau so hoch, wenn nicht manchmal sogar höher, einzuschätzen sind. Dein Beispiel hat das eindrucksvoll gezeigt und ist vielleicht für den einen oder anderen Motivation, etwas differenzierter auf seine eigenen Fähigkeiten und die der Anderen zu blicken.
Ein richtig toller Bericht Tristan !! 🤠🫶🏽
Respekt vor deiner Leistung und vor allem deiner Willenskraft.
Ich kann das sehr gut nachvollziehen, dass es dir so schwer gefallen ist, einfach aufzuhören. Bei der ganzen Vorbereitung und dem Startplatz im dritten Anlauf… Da hängt in dem Moment soviel dran.
Ich drück dir die Daumen, dass du nochmal einen Platz bekommst. 👊🏼🍀
Es kann ja beim nächsten mal nur besser werden 🙏🏻
Aber vergessen wirst du den Tag zumindest nicht mehr 😉
Hi,
ich bin über Instagram auf deine Story bzw. deinen Beitrag aufmerksam geworden und habe alles mit großem Interesse gelesen.
Ähnlich – wenn auch nicht ganz so dramatisch – ist es mir bei meinem ersten Ötztaler Radmarathon ergangen. Deshalb konnte ich viele deiner Gedanken und Erfahrungen sehr gut nachvollziehen.
Umso mehr hat es mich gefreut, deinen Bericht zu lesen und zu sehen, dass du diese Erfahrungen mit anderen teilst. Gerade für Interessierte ist es wertvoll zu erfahren, welche Gedanken einen vor und während einer solchen Veranstaltung begleiten und wie viel Vorbereitung, Respekt und auch Selbstzweifel dazugehören.
Ich selbst bin ein ambitionierter Hobbyradfahrer, allerdings ohne den Anspruch auf Spitzenzeiten. Für mich stehen das Erlebnis, die Herausforderung und das Ankommen im Vordergrund. Genau deshalb motivieren mich solche Geschichten. Sie zeigen, dass wir letztlich alle aus demselben Holz geschnitzt sind und jeder die Chance hat, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, Erfahrungen zu sammeln, an seine persönlichen Grenzen zu gehen und vielleicht sogar über sich hinauszuwachsen.
Vielen Dank, dass du deine Geschichte geteilt hast – sie hat mich wirklich abgeholt und motiviert.